TV Gottesdienst

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Es war einmal eine Gemeinde. Die feierte jeden Sonntag ihren Gottesdienst. Viele Menschen wirkten dabei mit. Und alle waren es zufrieden.
Eines Tages kam der TV-Gewaltige - nennen wir ihn künftig der Einfachheit halber den HERRN - und fragte, ob nicht mal einer ihrer Gottesdienste im TV übertragen werden könnte. Die Gemeinde war sofort Feuer und Flamme; denn man hat ja nicht jeden Tag die Gelegenheit ins Fernsehen zu kommen.

Sie machten sich eifrig zu Werke und bereiteten den Gottesdienst noch sorgfältiger vor als sonst. Nach vier Wochen stand das Konzept. Man legte des dem HERRN vor. Der las es und runzelte die Stirn: "Das ist ja alles viel zu lang - Spruch des HERRN - wir haben nur 45 Sendeminuten. Ich werde mir das mal vornehmen. Wir sehen uns dann bei den Proben." "Proben?" "Ja, Proben. Sie machen das zwar jeden Sonntag - Spruch des HERRN - aber so kann man das im Fernsehen nicht zeigen. Das muss alles anders werden."

Zu den Proben rückte dann der HERR mit einem Beauftragten der Bischöfe an; der sollte zusehen, dass auch alles seine Richtigkeit hat. Gottesdienst ist schließlich Gottesdienst und TV ist TV.
Dann ging es los:

"Der Chor ist viel zu groß. Die Kinder sollen nicht mitsingen. Da bekommen wir nur Probleme mit dem Ton und mit der Kamera." - Autsch

"Es darf keine Ruhepunkte geben, nur Action Schlag auf Schlag." - Autsch

"Von jedem Lied darf nur eine Strophe gesungen werden, sonst schlafen uns die Zuschauer noch ein." - Autsch

"Dieses grüne Messgewand  passt nicht in das Farbdesign der Sendung. Wir brauchen ein organges!" "Aber grün ist die Kirchenjahresfarbe und orange gibt es nicht." "Dann wird unsere Kostümwerkstatt eines machen. " - Autsch - Der Beauftragte der Bischöfe schweigt.

"Wo sind denn die Requisiten?" "Welche Requisiten?" "Brot, Wein, Kelch und der ganze Kram!" "Das sind heilige Zeichen und keine Requisiten!" "Verstehen Sie was vom Fernsehen? Nein! Also halten Sie den Mund. Es sind Requisiten!" - Autsch

"Dieses Hochgebet da ist viel zu lang. Das muss um mindestens eineeinhalb Minuten gekürzt werden." "Das ist aber das Wichtigste am Gottesdienst und außerdem ist es so vorgeschrieben." "Ich habe das nicht so vorgeschrieben, und in dieser Sendung gilt, was ich sage. Auch diese Abendmahlgeschichte in
der Mitte können sie rausnehmen, die kennt ohnehin jedes Kind. Außerdem ist nicht wichtig, was hier in der Kirche geschieht, sondern welche Bilder in den Wohnzimmern ankommen." - Autsch - Dass hier der Beauftragte der Bischöfe nicht anfängt zu schreien, versteht niemand.

"Diese Kommunionausteilung, die nehmen wir als Puffer. Wenn wir in Verzug sind, brechen wir sie ab. Wenn die Leute unbedingt Kommunion wollen, geben Sie sie ihnen nach der Sendung." - Autsch - Wenn schon der Beauftragte der Bischöfe schweigt, warum fährt nicht der HERRN mit einem Blitz drein?

Der HERR? Wer ist denn eigentlich hier der HERR? Der im Himmel oder der vom TV.

Bevor diese Frage geklärt ist, hört man ein donnerndes Rumpeln. Es ist der Apostel Paulus. Er dreht sich im Grabe um, weil sich wieder eine Gemeinde den Mächten dieser Welt untertan gemacht hat.