Pfarrer

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In einen katholischen Ort
gehört ein katholischer Pfarrer.

Also wissen Sie! Was die hohen Herren hinter dem Dom sich einbilden! Unser Ort wäre zu klein. Deshalb könnten wir keinen eigenen Pfarrer mehr bekommen. Das ist doch die Höhe! Wir hatten immer einen Pfarrer. Und wir bezahlen schließlich brav unsere Kirchensteuer. Wenn die keinen Pfarrer für uns haben, dann sollen sie uns gefälligst irgendwie einen besorgen. In einen katholischen Ort gehört ein katholischer Pfarrer. Das ist nun mal so.

Die haben uns jetzt anstelle des Pfarrers so einen geschickt. Irgendwie "Referent" nennt sich der. Ein Pfarrer ist er nicht. Ich glaube, dafür hat er nicht fleißig genug studiert; oder er ist nicht fromm genug. Jedenfalls ist er kein Pfarrer, aber er soll uns den Pfarrer ersetzen. Daß ich nicht lache! Der hat doch einen Bart, wie die Linken, und läuft mit kurzen Hosen rum. Und verheiratet ist er, hat drei Kinder; und was sind die so frech!

Mit der ganzen Familie ist der in unser Pfarrhaus eingezogen. Stellen Sie sich das mal vor! Jetzt toben in unserem ehrwürdigen Pfarrhaus Kinder. Und auf der Leine im Pfarrhausgarten hängt Damenunterwäsche. So weit sind wir schon gekommen!

Dabei haben wir anscheinend noch Glück gehabt. In dem Ort, wo mein Schwager herkommt, da haben sie als Referenten eine Frau bekommen. Unserer ist zwar kein richtiger Pfarrer, aber immer noch besser als eine Frau.

Seitdem wir diesen Referenten haben, gibt es bei uns sonntags auch oft keine richtige Messe mehr. Manchmal schon; dann kommt der Pfarrer vom Nachbarort. Und wenn der nicht kommt, dann hält der Referent - was weiß ich - so eine Art Laienmesse. Eigentlich ist es schon eine Messe, aber nicht so richtig. Da ist nämlich keine Wandlung dabei. Aber das scheint nichts auszumachen. Jedenfalls hat unser Bürgermeister schon beim Bischof angerufen. Und der hat gesagt, daß das in Ordnung ist: Die Sonntagspflicht ist erfüllt, auch wenn der Referent eine Messe ohne Wandlung hält.
Aber die Sache hat auch ihre guten Seiten. Dadurch, daß die Wandlung wegfällt, und auch diese langen Gebete da, dadurch ist die Messe früher aus. Dann kommt man auch früher zum Frühschoppen.
Ich will ja nicht ungerecht sein. Der junge Mann gibt sich viel Mühe. Das merkt man. Und er macht auch ganz viel mit Kindern. Da hatte unser alter Pfarrer überhaupt kein Händchen für. Die Kinder kommen jetzt eigentlich ganz gut bei. Mich persönlich nervt das ja, wenn so viele Kinder kommen, und wenn die dann so modernes Zeugs singen und da rummachen. Aber das ist immer noch besser, wie wenn gar keine Kinder mehr kommen.

Auch sonst hat der junge Mann viel Schwung reingebracht. Und die Bittprozession hat er so schön gemacht, wie ein richtiger Pfarrer. Aber er ist eben keiner. Und in einen katholischen Ort hat schon immer ein katholischer Pfarrer gehört. Sonst könnten wir ja gleich evangelisch werden.
Warum machen die den Referenten denn eigentlich nicht zum Pfarrer? Klar, der ist verheiratet. Aber ich bitte Sie, wir sind doch aufgeklärt. Auch wir auf dem Land sind moderne Menschen. Allerdings, diese gewisse Unterwäsche, die müßte man ja nicht unbedingt auf der Leine neben der Kirche trocknen. Die könnte man auch auf den Speicher hängen.

Mir wäre das egal, daß er verheiratet ist. Wenn er nur ein richtiger Pfarrer wäre, dann hätte alles seine Richtigkeit. Manche Leute sagen ja auch so schon "Herr Pfarrer" zu ihm, und zu seiner Frau "Frau Pfarrer". Aber es müßte halt alles seine Ordnung haben. So ein Referent, das ist nichts Halbes und nichts Ganzes.

Klar, wenn sie den zum Pfarrer machen würden, dann müßten sie auch die Frauen, die Referenten sind, zum Pfarrer machen. Uns kann das ja egal sein; wir haben ja keine Frau als Referent. Aber ich glaube, man wäre immer noch besser dran, wenn man eine Frau als Pfarrer hätte, als wenn man gar keinen hat. Denn in einen katholischen Ort gehört auch ein katholischer Pfarrer.
© Matthias Kleis