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Die große Trommel (ein Märchen)

Es war einmal in einem fernen Lande vor ganz langer Zeit. Da lebte ein Stamm von Zwergen friedlich in ihrem Dorfe.
Und so nannten sie sich, wenn sie zusammen scherzten und musizierten "Unitas". Und weil das schon so lange währte und sie stolz darauf waren "UNITAS 1378" gemäß dem Jahr, in dem sie sich zum ersten Male trafen.
Viele Sommer und viele Winter lang freuten sie sich so ihres Lebens und wurden dabei alt.
Die jüngeren Zwerge in Dorf wollten auch Musik machen und scherzen, denn ihnen gefiel das auch. So trafen sie sich unter einem andern Baum als die Altzwerge, scherzten und musizierten aber so wie diese. Ihre Instrumente waren jedoch anders gestimmt und ihre Lieder hatten sie anderen Vögeln abgelauscht. "Lasst uns die "Lustigen Vögel" nennen", meinten sie eines Tages. "Denn wir möchten auch einen schönen Namen haben". Die Altzwerge sahen es mit Wohlgefallen und waren stolz auf ihre Jungzwerge.

In dem Lande war es ein neuer Brauch, dass jeder, der etwas auf sich hielt, eine Trommel hatte. Die stellte er jeden Morgen auf den Marktplatz und hieb so stark darauf, dass jedermann im Lande bis jenseits des großen Waldes es hören konnte.
Die Zwerge der Unitas hatten eine riesige Trommel, jedoch keinen Wagen, sie auf den Markt zu schleppen.
Das sah ein junger Zwerg mit gelber Mütze, der schon oft bei den Lustigen Vögeln seine Stimme hatte ertönen lassen.
Er erbarmt sich und zog mit seinem Traktor die Trommel zum Marktplatz. Alle waren glücklich und die Trommel dröhnte viele Monde durchs Land.
Als das Frühjahr aber kam, musste der gelbe Zwerg sein Feld bestellen, denn er wollte im Herbst etwas zu essen haben. Traurig sagte er dem Oberzwerg, er könne nicht mehr jeden Morgen die Trommel zum Markte bringen. Er müsse jetzt mit seinem Traktor seinen Mist aufs Feld streuen.
Als er das traurige Gesicht des Oberzwerges sah, dachte er lange hin und her, was zu tun sein, denn er hatte ein gutes Herz.
"Kannst du nicht einen Traktor besorgen für die Trommel?" fragte er eines Abends den roten Zwerg, mit dem er hin und wieder einen Humpen leerte.
"Hmm" sagte dieser und überlegte. "Ich hatte gerade großes Glück und könnte einen Traktor für die Trommel kaufen; wenn dein und mein Zwergenweib und auch du mir noch jeder ein Goldstück dazu gibt. Wir stellen den neuen Traktor hin und alle werden staunen. Einen Traktor, nur für die UNITAS-Trommel!"

Gesagt, getan.

Am nächsten Morgen kaufte der rote Zwerg den neuen Traktor. Er ging in den Wald zur Zulassungshöhle, denn auch im Zwergenland musste jeder Traktor registriert werden und musste ein Schild tragen, auf dass man sie unterscheide. Niemand kümmerte sich wirklich um das Schild und was darauf stand. Aber jedes Schild gab es nur einmal im ganzen Zwergenreich. Er fragte, ob ein Schild haben könne, auf dem "UNITAS" stand, den er wollte den Altzwergen eine Freude bereiten. Der Verwaltungszwerg (ein Schwarzzwerg übrigens, ohne Sinn für Musik) schüttelte den Kopf. "Da hättest du früher kommen müssen; so ein Schild ist schon im Gebrauch" sagt er.
"Geht denn LUSTIG?" fuhr der rote Zwerg zögerlich fort. "Kannst du haben" brummte der Schwarzzwerg. "Aber sofort und jetzt und her mit den Goldstücken, denn gleich ist Mittag und ich will nicht warten."
So willigte der rote Zwerg ein und schraubte das neue Schild an den Traktor.
In der Nacht luden er und der Gelbzwerg die Riesentrommel um. Was war das für eine Mühe! Aber als der Morgen kam war alles geschafft. Die Trommel dröhnte wieder durch Land wie jeden Tag und der Gelbzwerg konnte endlich seinen eignen Mist ausstreuen.
Zufrieden dachte der Rotzwerg: "Was werden Alle Augen machen, wenn sie den neuen Traktor sehen! Einen eigenen Traktor! Nur für die Trommel der UNITAS!"
So kam der Abend und alle Zwerge trafen sich unter der Dorflinde zum Schwatzen. "Hast du schon gesehen? Den neuen Traktor? Und wie die Trommel jetzt schlägt?" sagten die einen und freuten sich.
"Das mag schon sein" entgegnete ein blauer Zwerg. Er war schon sehr alt und ein bisschen schwerhörig. Zumindest hatte er noch nie die Trommel vernommen. Aber Lesen, das konnte er. "Aber habt ihr auch das Nummernschild gelesen? Da steht doch LUSTIG drauf und das darf nicht sein. Auf dem Schild muss UNITAS stehen, basta."
"Nun, was soll's?" sagten andere, um ihn zu beschwichtigen, "auf dem alten Traktor stand doch auch nicht UNITAS. Da stand MISTEL drauf. Und das hat dich und uns doch auch nicht gestört. Die Hauptsache ist doch, die Leute hören unsre Trommel."
"Papperlapapp und Schnickschnack. Auf das Schild muss UNITAS, sonst gilt's nicht. Oder wenn das nicht geht, MISTEL oder irgend etwas anderes. Aber nie" und da richtete der Blauzwerg sich zur vollen Größe auf und seine Stimme scholl bis ans Ende des Waldes "nie und nimmer: LUSTIG!"
Und weil der Blauzwerg in alten Zeiten viel Gutes getan hatte und hohes Ansehen unter den Zwergen (insbesondere bei den Altzwergen) genoss, nickten viele und kamen überein, dass es böse sei, LUSTIG auf das Nummerschild zu schreiben.

So kam es, dass der Traktor mit glühenden Kohlenstücken, faulen Obst und anderem Unrat geworfen wurde, als der Rotzwerg die Trommel andern Morgens zum Marktplatz fahren wollte.

Erschrocken zog der Rotzwerg die Mütze über die Ohren, als er des Aufruhrs und des Geschreis gewahr wurde. Was sollte er tun? Warum nur hörte niemand mehr, was die Trommel verkündigte? Warum nur starrten alle auf das kleine Nummerschild, das ihm der Schwarzzwerg verkauft hatte.

Der Rotzwerg ging traurig nach Hause, legte sich unter seinen Lieblingsbaum, zog die Moosdecke bis unters Kinn und dachte lange nach.

Die große Trommel aber, sie schwieg von diesem Tage an.

(c) Harald Ruppe

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