Allgemeines
Im Unterschied zur normalen Sonntagspredigt ist die Sprechsituation der Begräbnispredigt von starken Emotionen geprägt, z.B.:
- Schmerz und Trauer
- Angst, wie es weitergehen soll
- Erleichterung, weil die Pflege des Verstorbenen eine große Belastung war, die nun zu Ende ist
- Schuldgefühl, ob man manches hätte besser machen können
- Vorfreude auf das Erbe
- ...
Wie leicht einzusehen, ist es unmöglich, Menschen auf der kognitiven Ebene anzusprechen, wenn sie emotional aufgewühlt sind. Deshalb muss eine Begräbnispredigt sich auf die
Emotionen einlassen - eine durchaus kniffelige Angelegenheit, aber unumgänglich. Eine Chance, in dieser Situation mit der Verkündigung der Frohen Botschaft von der Auferstehung an die Menschen heran zu
kommen, hat nur, wer ihnen emotional nahe gekommen ist.
Eine Begräbnispredigt spricht die Menschen an, wenn die Emotionen zur Sprache gebracht, das Leben des Verstorbenen gewürdigt und die Botschaft von der Auferweckung glaubhaft verkündigt wird.
Möglichkeiten, die Emotionalität zu treffen
Trauergespräch
Man muss nur zu den Trauernden hin gehen und sie erzählen lassen. Sie erzählen gewöhnlich viel und gerne: über die letzten Stunden, über das Leben des Verstorbenen, über die Familie. Auf diese Weise kann
man sehr viel Hintergrund erfahren, lernt auch die Einstellung der Hinterbliebenen zum Verstorbenen kennen und kann ihre Weise zu trauern beobachten. Natürlich muss auch eine Begräbnispredigt Predigt bleiben und
darf nicht in einen Lebenslauf des Verstorbenen ausarten. Aber mit den Informationen aus dem Trauergespräch kann es einem gelingen, auch eine theologisch anspruchsvolle Predigt sehr persönlich zu gestalten.
Todesanzeige
Es ist auch wichtig, sich die Todesanzeige genau an zu schauen. Auch sie sagt etwas über die Trauernden und den Verstorbenen aus. Es gibt christliche Motive und profane Motive. Meist ist irgendein Sinnspruch
sozusagen als Überschrift zu finden. Auch wenn diese Sprüche aus der Sammlung des Bestattungsunternehmens stammen, irgendetwas daran hat die Trauernden angerührt. Bis auf wenige
Ausnahmen ist es mir immer gelungen, auf diesen Spruch in die Predigt Bezug zu nehmen. Dies ist ein Signal, dass man die Trauernden ernst nimmt und emotional mit ihnen ist.
Sprachdisziplin
Der Prediger ist in den meisten Fällen nicht Trauernder. Dann soll er auch nicht so reden. Nicht: “Wir trauern
heute um”, sondern “Sie trauern heute um”. Ich kann als Außenstehender durchaus Mitgefühl signalisieren
ohne mich selbst in die Trauer hinein zu begeben. Wer sich in seelsorglichen Prozessen auskennt, weiß um diesen schmalen Grad, auf dem man wandelt, zwischen einfühlsamer Nähe und notwendiger Distanz. Im
Übrigen ist der Prediger jemand der Hoffnung ausstrahlt, der auch in der Situation des Begräbnisses die Frohe Botschaft verkündigt.
Die Auswahl der Lesung
Wenn man ein intensives Trauergespräch führt, kommt einem meistens eine biblische Lesung in den Sinn, die zu dieser Beerdigung passt. Ich bin der Ansicht, dass man diesem Eindruck vertrauen kann.
Ich kann einige Beispiele nennen, die illustrieren, was ich meine:
Zwei unverheiratete Schwestern, die zusammen gelebt haben - Maria und Martha Angehörige in schlimmer Trauer - Ihr sollt nicht trauern wie die Menschen, die keine Hoffnung haben (1 Thess 4,13ff)
in der Zeit um Himmelfahrt - Jesus geht weg und lässt die Jünger zurück nach langem Siechtum - unser Leib ist wie eine verfallene Hütte (2 Kor 4,17ff)
nach langem Leiden - Leiden dieser Zeit im Vergleich zur himmlichen Herrlichkeit (Rö 8,16ff) bei Erleichterung, dass der Tod eine Erlösung war - alles im Leben hat seine Zeit (Koh 3,1ff)
bei einem sozial engagierten Menschen - Leib Christi, oder: Einer trage des anderen Last bei einer aktiven Frau - eine starke Frau Spr,31,10ff in der Zeit um Weihnachten - Licht und Dunkel (Jes 8,22ff)
Wer aufmerksam zuhört und die Bibel kennt, wird vielfältige Bezüge finden. Und diese Bezüge werden lebensnäher sein als die Lektionarlesungen.
Symbole
In vielen Gemeinden ist es heute bereits üblich, eine Osterkerze mit eigenen Symbolen zu gestalten. Will man eine “anschauliche” Predigt halten, könnte sie von der Osterkerze ausgehen und den mit ihr
verbundenen Lesungen.
Symbolpredigten haben den Vorteil, dass sie nicht den Verstand des Menschen ansprechen, sondern tiefere Schichten. Daher sind sie für die Begräbnissituation gut geeignet.
Es sind Symbole denkbar, die einen Zusammenhang mit dem Leben des Verstorbenen haben, z.B. eine Blume, eine Laterne, eine Marionette. Auch die Symbole der Liturgie eigenen sich als Anschauung zur
Predigt, z.B. Erde, Weihwasser.
Mancherorts ist es üblich, Totenzettel zu verteilen. Möglicherweise ist darauf ein Bild oder ein Spruch, mit dem
man predigen kann. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, die Hinterbliebenen in ihrer Trauer an zu sprechen.
Das Umfeld
In zunehmendem Maße begegnen uns anlässlich von Begräbnissen Menschen, die mit den Riten und den Gesängen der Kirche wenig vertraut sind. Deshalb halte ich es für wichtig, auch die Riten der Beerdigung
vorher zu besprechen und möglicherweise auch ihren Sinn zu erklären.
Viele Menschen haben auch eigene Vorstellungen von der Musik und den Gesängen im Trauergottesdienst. Hier ergibt sich nicht nur ein Anknüpfungspunkt für das Trauergespräch, sondern auch für die Predigt. Ich
erlebe, dass Menschen lieber “ihre Musik” haben, selbst wenn sie von der CD kommt, als ihnen fremde und unheimliche Gesänge mit der Orgel und wenigen, die mitsingen. Auch in Texten moderner Liedermacher
oder Musikgruppen wird Auferstehungshoffnung thematisiert. Was will man sich Besseres wünschen als Ausgangspunkt für eine Predigt.
Ich meine, man sollte die Wünsche Trauernder, so weit es das pastorale Gewissen zulässt, berücksichtigen. Das Begräbnis ist für die Trauernden da, nicht für den Pfarrer oder den Beerdigungsbeauftragten.
Bemerkungen
Der Einfachheit halber wurde immer nur die männliche Sprachform gewählt. Die gleichen Prinzipien gelten auch für Predigerinnen.
Was hier über die Begräbnispredigt gesagt wurde, trifft mit entsprechenden Abwandelungen auf alle Kasulapredigten zu. Wenn man so will: Kasualpredigten sind Predigten in emotional hoch besetzten Sprechsituationen.
Ich scheue mich im Moment, hier Beispielpredigten einzustellen, wie beim Kapitel Kinderpredigt. Der Grund: Begräbnispredigten sind sehr persönlich und geben vielleicht außerhalb der Situation dieser Trauerfamilie
gar kein gutes Beispiel ab. Sollte es doch ein Bedürfnis geben, nehmen Sie Kontakt auf oder zetteln eine Diskussion über das Gästebuch an.
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